Ein Supergau ohne Öffentlichkeit?

22. September 2020

Düsseldorf scheint derzeit Ort eines Schauspiels mit potentiell gewaltiger finanzieller Auswirkung zu sein, ohne dass dies eine entsprechende mediale Aufmerksamkeit erfährt. 

Zunächst warten Apotheker:innen auf ihr Geld, mit dem sie in Vorlage gegangen waren. Denn Apotheken kaufen Medikamente ein und geben diese (unter anderem) auf Rezept an ihre Kund:innen ab. Sie rechnen jedoch in der Regel nicht mit den Krankenkassen selbst ab, sondern bedienen sich eines Dienstleisters, wie der AvP Deutschland GmbH in Düsseldorf, die dann wiederum mit den Krankenkassen abrechnet. Zu Grunde liegt in der Regel ein Factoring-Vertrag.  

Die Apotheken sind auf eine zeitnahe Erstattung der eingereichten Rezepte angewiesen. Es geht um hohe Beträge. Einzelne Medikamente können bereits hohe vorzufinanzierende Beträge bedeuten.  Aber vergangene Woche tat sich bei AvP zunächst: nichts.

Die Lage war so dramatisch, dass sich die BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) einschalten musste und bei AvP die Zügel in die Hand nahm. Bisherige Manager wurden gefeuert. Am 14. September 2020 hat sie Herrn Ralf R. Bauer als Sonderbeauftragten eingesetzt und ihm die alleinige Geschäftsführung übertragen. Der Sonderbeauftragte hat am 15. September 2020 einen Insolvenzantrag beim Amtsgericht Düsseldorf eingereicht. 

Die BaFin schreibt dann weiter, dass am 16. September 2020 das Insolvenzverfahren eröffnet wurde. Das ist natürlich nicht richtig und eigentlich sollte die BaFin das auch wissen, zumal sie direkt unterhalb dieser Mitteilung den Inhalt des Beschlusses veröffentlicht. 

Es wurde das vorläufige Insolvenzverfahren beim Amtsgericht Düsseldorf unter dem Aktenzeichen Aktenzeichen 502 IN 96/20 angeordnet. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde Rechtsanwalt Dr. Jan-Philipp Hoos (Kanzlei White & Case) bestellt. Krisenkommunikation sollte in solchen Fällen rechtlich korrekt sein. Man kann sich ja fast freuen, dass man dazu in den Medien kaum etwas vernommen hat. So war zumindest auch nichts falsch. 

Es wird spannend, wie es weiter geht, denn viele Apotheken hatten bereits in der Corona-Krise Umsatzverluste zu beklagen. Auch dort verlagerte sich vieles in den online-Bereich oder wurde zunächst ganz verschoben, weil Arzttermine nicht wahrgenommen wurden. So kann es schnell zu Außenständen im sechsstelligen Bereich kommen. Gerade für Apotheken, die noch nicht lange bestehen und ggf. erst vor Kurzem mit Investitionen eingerichtet wurden, kann die Lage bedrohlich werden. 

Gerade deshalb ist in einer solchen Krisensituation die rechtliche Einschätzung der BaFin ein unglaublicher Fauxpas. Apother:innen dürften auch ohne derartige Meldungen derzeit schlaflose Nächte haben. Angesichts der Größe des Schadens – es soll sich um einen dreistelligen Millionenbetrag handeln, Apotheken-Insolvenzen können die Folge sein – verwundert auch das weitgehende Schweigen in den Medien.


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